Ramesch Daha 32°N/53°E
Fiona Liewehr
Ramesch Daha beschäftigt sich in ihrem neuen Projekt 32°N/53°N -bezugnehmend auf die geografischen Koordinaten des Iran-mit der wechselvollen Geschichte des Landes in den letzten 100 Jahren. Anlass für die Auseinandersetzung sind dabei keineswegs
die aktuellen politischen Ereignisse der letzten Monate, sondern die persönliche Geschichte der 1978 vor der Revolution und dem damit einhergehenden erstarkten Fundamentalismus geflohenen Künstlerin. In akribischer, jahrelanger Recherche spührte Daha
aber nicht nur der persönlichen Geschichte ihrer Vorfahren, sondern auch den wirtschaflichen, politischen, religiösen und gesellschaftlichen Umwälzungen im Iran nach. Scheinbar unverbunden stehen in der aktuellen Ausstellung der Künstlerin in der Galerie
Bleich Rossi ein Video von Ihrer Großmutter, in dem sie sich an die Chronologie der Ereignisse zwischen 1934 und 1944 erinnert, mit Zeichnungen von privaten Notationen, gefunden auf den Rückseiten historischer Fotos und großformatige, stark reduzierte
Gemälde persischer Landschaften gegenüber. Es geht Daha dabei weniger um eine Stringenz in der Narration oder den Versuch einer chronologisch lückenlosen, geschichtswissenschaftlichen Darstellung der Ereignisse in ihrem Heimatland. Vielmehr entsteht
im bewussten Nebeneinander von künstlerischen Medien und Inhalten eine subjetive (Be)Deutungscollage, die das kritische Bewußtsein dafür schärfen soll, dass Geschichte nicht nach eindimensionalen, objektiven Kriterien definiert werden kann. Selbst
wissenschaftliche Geschichtsschreibung ist nach subjektiven, ideologischen Richtlinien interpertiert, konstruiert sich stets neu, ist ständigen Veränderungen unterworfen und kann nie neutral sein.
Daha geht es in ihrer künstlerischen Beschäftigung mit dem Iran nicht um die Reinszenierung weit zurück liegender historischer Ereignisse. Ihr Blick darauf ist weder emotional noch anklagend oder wertend. Die Künstlerin verarbeitet historische Dokumente von
Zeitzeugen, reflektiert kritisch über die in Medien wie Internet, Zeitung oder TV verbreiteten Berichterstattungen und hinterfragt von welch signifikanter Bedeutung historische Ereignisse für die Gegenwart sind. Geschichte findet jederzeit überall statt. In der
menschenleeren Landschaft ebenso, wie in der beiläufig wirkenden Randnotiz persönlicher Fotografie oder der subjektiven Erinnerung. Ramesch Dahas Werke sind keine affirmative Bestätigung der Vergangenheit, sondern vielmehr Befragungen der
Gegenwart mittels des Rückgriffs auf historische Ereignisse, die sich dem kollektiven Gedächtnis unwiderruflich eingeschrieben haben und eines deutlich machen können. History repeats itself.
